Bildungssprache im Kontext von Mehrsprachigkeit

Bildungssprache ist im Unterricht allgegenwärtig und für SchülerInnen herausfordernd

Als Bildungssprache wird der Sprachgebrauch im (Fach-)Unterricht bezeichnet. Sie zeichnet sich durch eine differenzierte Lexik sowie eine komplexe Syntax, d.h. Satzgefüge, Nominalgruppen, Konjunktionen, Verweisstrukturen etc., aus.


Ausgewählte Merkmale der Bildungssprache (aus Tajmel 2017: 52)

Wortebene

(lexikalisch/ morphologisch)

Beispiele

Komposita

Gummiball, Fußball, Medizinball. Tennisball, Mittelwert, Richtungsvektor

Nominalisierungen

das Werfen, Schlagen, Treffen, die Erwärmung, die Wahrscheinlichkeit, der Rückbezug, die Darstellung, die Beschleunigung, die Erwärmung

Verbalisierungen

sich vergewissern, sich absichern, berichtigen, verschönern, erwärmen, vergrößern

Adjektivierungen

absichtlich, versehentlich, fangbar, unschlagbar, mittig, gesetzlich, schriftlich

Partizipien I

geworfen, geschlagen, federnd, sich absichernd, erwärmend, verbindend, leitend, informationstragend

Partizipien II

geworfen, geschlagen, gefedert, abgesichert, berichtigt, erwärmt, verbunden, geschlossen

Fachwörter

Ass, Aufschlag, Volley, slicen, Satz, Topspin, Vorhand, überlobben, Vektor, kongruent, Diskriminante

Satz/ Textebene (syntaktisch/textual)

Beispiele

„fachliche Redewendungen“ (Kollokationen

ein Ass schlagen, ins Aus spielen, das Netz angreifen, auf die Rückhand spielen, eine bittere Niederlage, den Mittelwert binden, eine Gleichung, aufstellen, in einen Fall setzen, eine Bedeutung erfassen, in Lösung gehen

Genitivattribute

die Bedeutung des Spiels, die Würdigung des Gegners/der Gegnerin, die Größe des Winkels

Partizipialkonstruktionen

der entscheidende Ball, ein erreichter Ball, ein gekonnter Aufschlag, das erwärmte Medium, die resultierende Kraft, der ausschlaggebende Gedanke

Pro-Formen (Verweisformen)

dieser, welcher, dabei, dadurch, deswegen u.a.

Unpersönliche Form, Passiv

es wird gespielt, der Ball wurde angenommen, es gilt, der Körper wird erwärmt, es wird angenommen

Präpositionalphrasen

mit aller Kraft, in aller Munde, ein Schläger mit großem Kopf, unter der Regierung, mittels der Berechnung, in der Regel, aufgrund der Maßnahme

Satzklammern

die Spielerin schlägt…auf, der Körper legt einen Weg zurück, das Molekül gibt ein Proton ab

Symbole

Beispiele

Fachsymbole, Abkürzungen, Zeichen, Formelzeichen

15:0, bzw., u.a., i.A., i.d.R., usw.

A, a, a, α, =, +, -

Alle Regelklassen sind heterogen, vor allem in sprachlicher Hinsicht

In Baden-Württemberg sind 30% der SchülerInnen (SuS) potentiell mehrsprachig, d.h. sie wachsen mit mindestens zwei Sprachen auf. Für die Mehrheit der mehrsprachigen SuS an den hiesigen Schulen ist das Deutsche die Zweitsprache. Das bedeutet, dass der Erwerb des Deutschen bei ihnen mit 3 oder 6 Jahren (Eintritt in vorschulische Einrichtungen/Grundschule) eingetreten ist. Dies hat, wie weiter unten ausgeführt wird, weitreichende sprach- und leistungsbezogene Konsequenzen für sie.  

Viele mehrsprachige SchülerInnen sind im deutschen Bildungssystem sprachbiographisch bedingt schlechter gestellt
 

Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien zeigen, dass sich einsprachige und mehrsprachige SuS in ihren Leistungen signifikant voneinander unterscheiden. Dabei schneiden mehrsprachige SuS in der Regel schlechter ab als ihre einsprachigen MitschülerInnen. Besonders gravierend sind diese Leistungsunterschiede im deutschen Schulkontext.

Aufschlussreiche Erkenntnisse über die sprachliche Interaktion im Fachunterricht gewinnen

Das Projekt zielt darauf ab, die Rolle von Lehrpersonen als mögliche Ressource beim Erwerb von bildungssprachlichen Kompetenzen seitens mehrsprachiger SuS zu untersuchen. Um die potentiell förderliche Rolle von Lehrkräften in Bezug auf die sprachliche Kompetenzentwicklung von mehrsprachigen SuS zu beleuchten, soll die sprachliche Interaktion im Biologie-, Deutsch-, und Gemeinschaftskundeunterricht in allen Klassenstufen (Unter-, Mittel-, und Oberstufe) erfasst werden.  


Unsere (methodische) Vorgehensweise

Zur vollständigen Erfassung der sprachlichen Interaktionalität im Fachunterricht wird wie folgt vorgegangen:

1)  Zum einen werden Audio- und Videoaufzeichnungen der jeweiligen Unterrichtsstunden angefertigt. Ziel ist, 50 Unterrichtsstunden (2250 min.) aufzuzeichnen, wobei sich die Aufzeichnungen auf den Unterricht mehrerer Lehrpersonen verteilen werden. So wird sichergestellt, dass möglichst viele Lehrkräfte teilnehmen, was den Ergebnissen der Studie mehr Aussagekraft verleiht. Außerdem wird so gewährleistet, dass einzelne Lehrpersonen nicht zu sehr beansprucht werden. Idealerweise wird der Unterricht einer Lehrkraft in mehreren Klassen und unterschiedlichen Niveaustufen (Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe) 2x, d.h. in 2 Unterrichtsstunden, aufgezeichnet. Durchgeführt werden die Aufnahmen mittels eines Audioaufzeichnungsgeräts mit Krawattenmikrophon, das die Lehrpersonen tragen, und zweier Kameras, die so positioniert werden, dass eine Kamera die Lehrperson filmt (die Lehrerkamera) und eine Kamera die SuS fokussiert (die Schülerkamera). Der Einsatz dieser technischen Geräte garantiert, dass der Unterrichtsfluss minimal gestört wird und die teilnehmenden Lehrpersonen ihren Unterricht wie gewohnt durchführen können. Das für die Aufzeichnungen erforderliche Einverständnis der Erziehungsberechtigen wird durch eine von uns vorgefertigte Erklärung eingeholt. Diese Erklärung enthält zudem einen kurzen Fragebogen, der Informationen zur Sprachbiographie des Kindes und Informationen über den sozioökonomischen Status der Eltern erfasst,

2) Zum anderen beantworten die teilnehmenden Lehrkräfte einen kurzen Fragebogen zu den Themen „Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer“ und „Sprache im (Fach-)Unterricht“,

3) Schließlich werden alle SuS einen standardisierten Sprachtest durchführen, der etwa 45 min. in Anspruch nimmt (Instruktions- und Durchführungszeit zusammengerechnet).

Theoretischer Hintergrund

Sprachliche Fähigkeiten nehmen eine zentrale Rolle in Lehr-und Lernprozessen ein, da fachliche Inhalte fast ausnahmslos durch Sprache (mündlich/schriftlich) vermittelt (Input) und produziert (Output) werden. Dies gilt, wie das unten aufgeführte Zitat illustriert, für alle Fächer:

„Sprache im Unterricht ist wie ein Werkzeug, das man gebraucht, während man es noch schmiedet“

(Leisen 2013)

Im Unterrichtskontext kann dabei der Bildungssprache (im Gegensatz zur Alltagssprache) enorme Bedeutung beigemessen werden (Gogolin et al. 2013). Sie ist das sprachliche Register, das als Medium von Fachwissen fungiert, eine spezifische Denkweise erfordert und somit die Leistung der SuS maßgeblich bestimmt (Morek & Heller 2012). Die Relevanz von alltagssprachlichen und bildungssprachlichen Fähigkeiten verhalten sich dabei umgekehrt proportional zueinander: je fortgeschrittener die Bildungsbiographie, desto ausschlaggebender die bildungssprachlichen Kompetenzen, um den „verdeckten“ sprachlichen Anforderungen des Unterrichts gerecht zu werden (Gogolin 2007). Demzufolge lässt sich die vergleichsweise geringe Performanz vieler mehrsprachiger SuS bei den internationalen Vergleichsstudien durch ihre vergleichsweise geringeren bildungssprachlichen Fähigkeiten erklären, was von empirischen Untersuchungen gestützt wird. Goll und Kollegen (2010) illustrieren dies im Rahmen eines politischen Wissentest, bei dem mehrsprachige SuS signifikant schlechtere Leistungen erbringen als ihre einsprachigen MitschülerInnen. Prediger et al. (2013) replizieren diesen Befund im Rahmen eines Mathematiktests. Beide Untersuchungen verdeutlichen, dass die schulischen Leistungen von mehrsprachigen SuS entscheidend von ihren bildungssprachlichen Kompetenzen abhängen.

Literatur

Brandt, Hanne, Ingrid Gogolin, Margit Maronde-Heyl & Heidi Scheinhardt-Stettner. 2016. Sprachförderlicher Fachunterricht: Erfahrungen und Beispiele (Waxmann-E-Books : Linguistik Band 8). Münster, New York: Waxmann.

Gogolin, Ingrid. 2007. Institutionelle Übergänge als Schlüsselsituationen für mehrsprachige Kinder.

Gogolin, Ingrid, Imke Lange, Ute Michel & Hans H. Reich (eds.). 2013. Herausforderung Bildungssprache - und wie man sie meistert (FörMig-Edition Bd. 9). Münster, München, Berlin: Waxmann.

Goll, Thomas, Dagmar Richter, Georg Weißeno & Valentin Eck. 2010. Politisches Wissen von Schüler/-innen mit und ohne Migrationshintergrund (POWIS-Studie). In Georg Weißeno (ed.), Bürgerrolle heute: Migrationshintergrund und politisches Lernen (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung Bd. 1050), 21–48. Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.

Leisen, Josef. 2013. Handbuch Sprachförderung im Fach: Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis. Stuttgart: Klett Sprachen.

Morek, Miriam & Vivien Heller. 2012. Bildungssprache ‒ Kommunikative, epistemische, soziale und interaktive Aspekte ihres Gebrauchs. Zeitschrift für angewandte Linguistik 57(1). 67–102.

Prediger, Susanne, Nadine Renk, Andreas Büchter, Erkan Gürsoy & Claudia Benholz. 2013. Family background or language disadvantages? Factors for underachievement in high stakes tests. In Anke Lindmeier & Aiso Heinze (eds.), Proceedings of the 37th Conference of the International Group for the Psychology of Mathematics Education: Volume 1, 49–56. Kiel: IPN.